30 Jahre Unglück von Ramstein: Rede des Landtagspräsidenten in der Gedenkstunde des Landtags Rheinland-Pfalz

Veröffentlicht am 22.08.2018 in Aktuell

In diesen Tagen jährt sich das Unglück bei der Flugschau auf der US-Airbase in Ramstein zum 30. Mal. Der Landtag Rheinland-Pfalz erinnert an diesen Tag in einer Gedenkstunde. Hendrik Hering hielt als Präsident des Landtags Rheinland-Pfalz am 22. August 2018 folgende Rede (den Mitschnitt reichen wir nach):

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

über 300.000 Menschen waren am 28. August 1988 zum Flugtag nach Ramstein gekommen. Die Besucherinnen und Besucher waren aus der gesamten Bundesrepublik angereist. Auch aus den angrenzenden Nachbarländern kamen flugbegeistere Menschen an diesem Tag auf der Airbase zusammen. Es war ein Sommersonntag, wie man sich ihn wünscht, mit traumhaften Wetter, bei ausgelassener Volksfeststimmung. 

Neben der Faszination für die Technik und den Flugzeugen, die man an diesem Tag aus nächster Nähe bestaunen konnte, fühlte sich der Flugtag, mit dem amerikanischen Essen, dem Zusammentreffen mit den Gastgebern und allem was sonst noch dazu gehörte, ein bisschen wie Urlaub an. 

Die Airbase und die auf ihr stationierten Soldaten gehören zur Pfalz. Viele Rheinland-Pfälzerinnen und Rheinland-Pfälzer arbeiteten auf der Airbase als Zivilbeschäftigte. Amerikanische Soldaten und ihre Familien lebten nicht nur in den Kasernen, sondern waren in zahlreichen Dörfern geschätzte Nachbarn.
Um die Mittagszeit begann das Flugprogramm. Als spektakulärer Höhepunkt der Veranstaltung war die Vorführung der italienischen Kunstflugstaffel am Nachmittag geplant.

Tausende von Menschen verfolgten gebannt die Flugkunststücke, die vor einem strahlenden blauen Himmel stattfanden. Niemand ahnte etwas von der nahenden Hölle, die in wenigen Sekunden über sie hereinbrechen sollte. Um 15:45 Uhr geschah das Unfassbare. Zwei Jets der italienischen Kunstflugstaffel stießen über der Zuschauermenge zusammen. Sie stürzten sofort ab. Es regnete Feuer und Trümmerteile vom Himmel. Wer nahe an der Absturzstelle stand, hatte kaum eine Chance zu entkommen. Alles ging sehr schnell. Innerhalb von Sekunden brach Chaos und Panik unter den Besuchern aus. 

Die Rettungskräfte hatten große Schwierigkeiten das Ausmaß des Unglücks zu überschauen. Niemand war auf eine Katastrophe von solch einem Ausmaß vorbereitet. Es gab kein koordiniertes Vorgehen. Angesichts des Ausmaßes der Katastrophe war das fatal. Eine Risiko-Abschätzung war offenbar nicht ausreichend erfolgt.

Das Drama änderte innerhalb von Sekunden alles. Der Tod kam aus der Luft.
Männer und Frauen suchten verzweifelt nach ihren Kindern, Ehepartnern, Familienangehörigen und Freunden.

Zur gleichen Zeit verfolgten Angehörige die schrecklichen Bilder der Katastrophe vor den Fernsehbildschirmen oder hörten von dem Unglück im Radio. Die Telefonleitungen brachen zusammen. Quälend lange Stunden warteten Angehörige auf Nachricht von ihren Liebsten.
70 Menschen wurden durch dieses furchtbare Unglück mitten aus dem Leben gerissen. Weitere 1000 Menschen wurden verletzt, fast die Hälfte davon schwer. Das Ausmaß dieser schrecklichen Katastrophe kann sich jemand, der an diesem Tag nicht dort war, kaum vorstellen. Auch 30 Jahre danach, lässt einen dieses Unglück fassungslos zurück.

Uns als Landtag ist es heute wichtig, auch nach 30 Jahren an die Menschen zu denken, denen damals diese furchtbare Katastrophe widerfahren ist, die an diesem Tag mit einer unvorstellbaren Wucht aus dem Leben gerissen oder verletzt wurden und an deren Angehörige. 

Ihnen gilt unser Mitgefühl. Und wir danken allen, die als Sanitäter, Ärzte, Feuerwehrleute oder Seelsorger den Betroffenen am Tag der Katastrophe sowie in den Wochen, Monaten und Jahren danach beigestanden haben. Auch viele von Ihnen können diesen Unglückstag bis heute nicht vergessen. 

Der 28. August 1988 hat sich tief in das kollektive Gedächtnis der Rheinland-Pfälzerinnen und Rheinland-Pfälzer eingegraben. Das ist mir in den Vorbereitungen auf heute noch einmal sehr bewusst geworden. Fast jeder, mit dem ich gesprochen habe, der heute in den mittleren Lebensjahren steht, kann sich noch genau daran erinnern, wo er an diesem 28. August war oder wie er von dem Unglück erfahren hat. Es war ein Signalereignis. Sehr viele Rheinland-Pfälzerinnen und Rheinland-Pfälzer kennen einen Verwandten, einen Freund oder Nachbarn, der sich die Flugschau vor Ort angesehen hat. Auch ich habe heute noch die schrecklichen Bilder im Kopf. Es war für mich kaum zu ertragen, die Berichte zu lesen, in denen Opfer der Katastrophe davon erzählen, was sie an diesem Tag durchleben mussten. Die furchtbare Katastrophe und die Opfer von Ramstein sind auch nach 30 Jahren nicht vergessen.

Vor dem Unglück gab es aus den unterschiedlichsten Gründen, warnende Stimmen, die eine Abschaffung von Flugschauen erreichen wollten. Eine Konsequenz daraus war es, dass bis auf Ramstein kaum noch Flugtage stattfanden. Rückblickend war tragischer Weise auch dieser Flugtag einer zu viel.

Hier im Landtag wurden nach dem Unglück Konsequenzen diskutiert und gezogen. In Ramstein fand bis heute kein Flugtag mehr statt. Flugschauen generell sind heute in Deutschland nur noch in einem sehr eingeschränkten Maße zulässig. Zudem wurden weitgehende Vereinbarungen mit dem amerikanischen Militär für gemeinsame Rettungseinsätze getroffen. Bei jeder Großveranstaltung, die heutzutage stattfindet, muss ein umfassendes Sicherheits- und Rettungskonzept vorliegen.

Auch der Bundestag hat sich mit der Aufarbeitung des Unglücks befasst und einen Untersuchungsausschuss mit der Aufgabe betraut. 

Dabei ist deutlich geworden, dass es fatale Fehleinschätzungen gegeben hat. Zurecht fragt man sich, ob diese Flugshows in der damaligen Form überhaupt hätten genehmigt werden dürfen. Der Rettungseinsatz hätte mit Sicherheit besser koordiniert sein müssen.

Zu alle dem mussten sich die Betroffenen nach dem Unglück an schier unüberwindbaren bürokratischen Hürden abarbeiten, um die Ihnen zustehende Entschädigung in Anspruch nehmen zu können. Daran sind viele Opfer fast verzweifelt. Sie fühlten sich im Stich gelassen. Es gilt für damals wie für heute: in diesen Ausnahmesituationen brauchen wir eine größere Sensibilität im Miteinander, auch wenn sich die zuständigen Ämter natürlich an Vorgaben halten müssen. An Menschlichkeit darf es aber niemals mangeln. Hier geht es um die Frage, wie wir miteinander umgehen.

Einige Angehörige klagen bis heute, nicht mit dem Unglück abschließen zu können, weil niemand die Verantwortung übernommen hat. Sie beklagen wörtlich, dass von keiner offiziellen Stelle je ein Brief oder eine offizielle Stellungnahme kam. Kein: Es tut uns Leid. Fast alles, was sie über das Unglück und die Aufarbeitung wissen, haben sie durch die Presse erfahren müssen.

Herausragende Funktionen in der Gesellschaft wahrzunehmen, sollte mit der Größe verbunden sein Verantwortung übernehmen zu können. Dazu gehört, sich wenn erforderlich, bei den Betroffenen angemessen und würdig zu entschuldigen.

Wir alle haben die Verpflichtung, zu differenzieren, wo dies mit strafrechtlichen oder politischen Konsequenzen zu verbinden ist und wo nicht. Wir sollten dies aber nicht zum Vorwand nehmen, um notwendige Entschuldigungen zu unterlassen. Dieses Versäumnis bedauere ich als Politiker und als Mensch zutiefst. Unabhängig einer Zuständigkeit repräsentieren wir hier im Parlament die Bevölkerung. Wir sind damit auch für einen würdigen und anständigen Umgang miteinander verantwortlich.

Es liegt mir fern, einer Stelle oder einem Bereich die Verantwortung für das Unglück zuzuschreiben. Unabhängig davon, ist es mir aber ein großes persönliches Anliegen, Sie heute um Vergebung zu bitten. Ich möchte mich bei Ihnen in aller Form dafür entschuldigen, wie die Politik mit der Verantwortlichkeit für dieses schreckliche Ereignis umgegangen ist.

Es muss unser aller Ziel sein, dass dieses Unglück, so sinnlos es auch ist, wenigstens dazu führt, dass wir aus den Fehlern der Vergangenheit lernen.

Wir brauchen einen Kulturwandel, hin zu einer Gesellschaft, wo Fehler gemacht werden dürfen und wo aber auch der Mut da ist, sich zu entschuldigen. Das ist sicherlich ein Prozess, der im Kleinen beginnen muss, um sich stetig zu Großem weiterzuentwickeln. 

Hierzu zählt auch, dass Menschen, denen unermessliches Leid widerfahren ist, schnell und unbürokratisch geholfen wird. 

Eine Grundvoraussetzung ist, dass wir nicht nur über die Tragödie und die Opfer sprechen, sondern mit ihnen. Dem wollen wir heute im Rahmen unseres Gedenkens Raum geben. Wir wollen die Stimmen der Opfer hören. Und wir wollen den Betroffenen helfen, gehört zu werden. Denn ein Unglück wie das von Ramstein, ändert ein Leben für immer. Von einem auf den anderen Moment ist nichts mehr, wie es war.

In unserer heutigen Gesprächsrunde, wollen wir zwei Betroffenen hierzu die Möglichkeit geben. Ich freue mich sehr darüber, dass Frau Marliese Witt, die ihren Sohn bei dem Unglück verloren hat, und Herr Marc-David Jung, der als Vierjähriger schwere Verletzungen erlitt, uns heute von ihren Erfahrungen berichten werden. Frau Ulrike Nehrbaß vom Südwestrundfunk wird das Gespräch moderieren.
Noch weitere Betroffene des Unglücks sind unserer Einladung gefolgt. Ich darf Sie recht herzlich auf der Tribüne begrüßen. Danke, dass Sie gekommen sind.

Da nicht alle Betroffenen des Unglücks, die heute bei uns sind, hier vorne Platz finden, ist es uns als Abgeordnete ein Anliegen, auch mit Ihnen im Anschluss ins Gespräch zu kommen. Ich darf Sie ganz herzlich zu einer anschließenden Begegnung in der Lobby einladen.

Ich freue mich außerdem, Frau Sibylle Jatzko begrüßen zu können, die zusammen mit ihrem Mann, Dr. Hartmut Jatzko und Herrn Heiner Seidlitz eine Nachsorgegruppe für die Opfer des Ramstein Unglücks gegründet hat.

Vor 30 Jahren war über das Posttraumatische Belastungssyndrom noch wenig bekannt. Heute wissen wir mehr über den Zusammenhang von traumatischen Erlebnissen und dauerhaften psychischen Folgen. 
Das Ehepaar Jatzko hat sich gemeinsam mit Heiner Seidlitz vor 30 Jahren und bis zum heutigen Tag der Opfer angenommen und ihnen geholfen, das Erlebte in einer Gemeinschaft greifbar zu machen. Ich bin Ihnen für alles was Sie geleistet haben und tagtäglich leisten ausgesprochen dankbar.

Einige, die hier Hilfe gefunden haben, sind heute selbst in der Trauerbegleitung und Katastrophennachsorge tätig. Es ist ihnen gelungen, aus der Trauer Kraft zu schöpfen und für andere da zu sein, wie man für sie da war. 

Vom Opfer eines Unglücks zum Helfer zu werden, ist eine große Leistung, die mich persönlich sehr beeindruckt.

Sie alle sind mit Ihrem Einsatz nicht nur eine Stütze für den Einzelnen, sondern eine Stütze für die ganze Gesellschaft. Ihr Engagement für andere ist sprichwörtlich der Kitt, der eine Gesellschaft zusammenhält. Das ist beispielgebend und alles andere als selbstverständlich. Dafür möchte ich Ihnen bereits an dieser Stelle herzlich danken.

Heute wird nicht das letzte Gedenken an diesen furchtbaren Schicksalsschlag von so vielen Menschen sein. Wir sind es den Betroffenen schuldig, die unter den Folgen der Flugtagkatastrophe bis heute leiden. Wir wollen heute unser Mitgefühl für die Betroffenen und unsere Anerkennung für die Hilfsbereitschaft so vieler Menschen ausdrücken.

Meine Damen und Herren, vor diesem Hintergrund möchte ich Sie um einen Moment des Innehaltens bitten, bevor ich Frau Nehrbaß das Wort erteile.

Ich bitte Sie sich von den Plätzen zu erheben.

Wir denken heute an alle Verstorbenen und an all diejenigen, die auch heute noch unter dem Unglück leiden. Wir denken an die Angehörigen, die geliebte Menschen verloren haben. Und wir denken an alle, die den Betroffenen am Tag der Katastrophe sowie in den Wochen, Monaten und Jahren danach beigestanden haben.

Vielen Dank.

 

 
 

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